Einführung

Tradition des Gewerbevereins sind die Exkursionen/Ausfahrten. In den letzten Jahren konnten diese allerdings wegen organisatorischer Probleme nicht stattfinden. Durch „gemeinsame Anstrengung“ ist es dann 2020 doch gelungen, einen Bus + Fahrer + Quartier + Programm + Teilnehmer zu finden. Selbst die Corona-Lage gestattete es gerade noch, diese Exkursion zu starten.

Anreise am Donnerstag, 17.09.2020

Am Donnerstag stand der Bus bereit, der uns nach Südmähren und in das niederösterreichische Weinviertel bringen sollte. Einen ersten Zwischenstopp mussten wir zwar bereits vor der tschechischen Grenze einlegen, weil ein Personalausweis fehlte und dieser nach gebracht werden musste, aber dieser Fauxpas wurde abends angemessen ausgeglichen.

An der Grenze nach Tschechien gab es keine Kontrollen. Tschechien war zu diesem Zeitpunkt mit Ausnahme des Großraumes Prag und Mittelböhmen noch kein Risikogebiet für Corona.

Dem Busfahrer gelang es, einen langen Stau nördlich von Prag so zu umfahren, dass wir nur wenig Zeit verloren. Wir fuhren so direkt durch das Stadtzentrum von Prag und es konnten zahlreiche Sehenswürdigkeiten und weniger bekannte Bereiche in Prag gezeigt und erläutert werden.

Auf der Fahrt in unser Quartier in Bítov an der Vranov-Talsperre gab es umfangreiche  Informationen zu den Themen Geschichte, Geologie, Geographie, gesellschaftliche und politische Strukturen, Wirtschaft, Politik, Sehenswürdigkeiten, Persönlichkeiten u.a. in Tschechien.

Nachmittags erreichten wir unser Quartier, die Pension Rumburak. Zuvor fuhren wir jedoch noch in das Tal des kleinen Flusses Želetavka, einem Zufluss zur Dyje. Auf dieser Strecke bestand die Möglichkeit, die Burg Bítov oberhalb der Vranov-Talsperre zu bewundern. Die Pension Rumburak ist nach dem Raben/Zauberer aus dem Märchen „Die schöne Arabella und der Zauberer Rumburak“ benannt. Sie befindet sich unweit der Ortschaft und der Burg Bítov. Nach der Ankunft war Freizeit angesagt, zum Beispiel für eine kleine Wanderung an die nahe gelegene Vranov-Talsperre oder eine Besteigung des zum Areal gehörenden Aussichtsturmes. Weitere Angebote wie die Bowlingbahn, einen überdachten Pool oder die Sportplätze konnten wir wegen des umfangreichen Programms leider nicht nutzen.

 

Freitag, 18.09.2020

Der Tag begann mit einer Besichtigung der nahe am Quartier gelegen Burg Bítov, die neben einem historischen Interieur und einer besonderen Geschichte auch über eine außergewöhnliche Sammlung an Tierpräparaten verfügt. Die Burg  Bítov ist die älteste erhaltene Burg in Südmähren, in der zahlreiche Bauphasen erkennbar sind. Ihr letzter Besitzer vor der Enteignung 1945 war der Baron Haas von Hasenfeld, dessen Vater Besitzer der Porzellanfabrik "Haas und Czjzek" in Horní Slávkov (Schlaggenwald) bei Karlsbad war.

Mittags standen eine Besichtigung der kleinen Brauerei U Tesařů und das Mittagessen in der Ortschaft Bítov an. Dieser Ort Neu- Bítov entstand erst in den 1930er Jahren, da  Alt-Bítov durch die Flutung der Talsperre „versunken“ ist.

Nachmittags waren wir am Kloster Louky (Bruck) in Znojmo, wo Herr Dr. Müller-Kaller einen informativen Vortrag zu diesem ehemaligen Kloster und zum Weinbau in Mähren hielt. In einigen wenigen Räumen dieses riesigen Klosterkomplexes, der über eine sehr wechselvolle Geschichte verfügt und der heute weitgehend leer steht, haben sich seit einigen Jahren einige Weingenossenschaften etabliert, die hier nicht nur Wein verkaufen, sondern auch Verkostungen anbieten. Zudem wurde auch der Burčák, also der Heurige oder auch Federweißer angeboten. Wir konnten sogar wider erwarten auch die großen Keller unter dem Klosterkomplex besichtigen, die als Weinkeller dienten und dienen und  später bei schönstem Sonnenschein und  22o C südmährische Weine verkosteten.

Danach standen zwei Stunden Freizeit in der sehr sehenswerten Stadt Znojmo mit einem denkmalgeschütztem Stadtkern auf dem Plan. Die Stadt Znojmo befindet sich an der Dyje (Thaya) und verfügt über zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Beispiele  hierfür sind der  „verdrehten“ gotischen Rathausturm, die romanischen Rotunde der Heiligen Katharina mit Fresken aus dem Jahr 1134, das Schloss auf einem Felssporn oberhalb der Talsperre Znojmo oder das 42 km lange Gang- und Kellersystem unter der Stadt.

Auf der Rückfahrt zum Quartier gab es noch einen Foto-Stopp an der beeindruckenden Burg Vranov auf einem Felsen über dem Tal Dyje/Thaya unweit der Talsperrenmauer. Nach dem gemeinsamen Abendessen wurde ein Film aus dem Jahr 2007 gezeigt, der in eindrucksvoller Weise die Flutung des Ortes Alt-Bítov durch den Bau der Talsperre und den Neubau von Neu-Bítov in den 1930er Jahren sowie die Vertreibungen der deutschen Bevölkerung 1945 anhand von Zeitzeugenberichten dokumentierte.

Samstag, 19.09.2020

Am Samstag startete der Bus nach Niederösterreich. Wir fuhren zunächst nach Retz, wo die Möglichkeit bestand, den wahrscheinlich größten Keller Österreichs und das Südmährer-Museum zu besichtigen. Diese Keller wurde in die fossilhaltigen Sandsteine der Retzer Formation (Tertiär) gegraben, die am Rand der Tethys, also dem heutigen Mittelmeer vor ca. 15 Millionen Jahren abgelagert wurden.

Auf dem Weg nach Retz fuhren wir durch Südmähren und südlich von Znojmo (Znajm) unter anderem durch das Weindorf Nový Šaldorf (Neuschallersdorf). Hier fand das alljährliche große Weinfest statt, die Weinkeller, die fast alle einen oberirdischen Eingang haben, hatten geöffnet. Vom Bus aus konnten wir den großen Menschenandrang beobachten. Eingehaltene Abstandgebote oder Masken haben wir dort allerdings nicht gesehen, was sich leider in den Infektionszahlen in Tschechien seit einigen Tagen widerspiegelt.

Wir fuhren also ohne Halt zu unserem eigentlichen Ziel nach Herrnbaumgarten in Niederösterreich weiter. Auf dieser Fahrt konnten nicht nur zahlreiche Weinberge des Weinviertels, sondern auch einige besondere geologische Besonderheiten bewundert werde. Eindrucksvoll waren die beiden Burgen bzw. Burgruinen des Falkensteins und von Staatz, die auf jurassischen Kalksteinklippen stehen. Diese Kalksteine gehören aus geologischer Sicht bereits zu den Weißen Karpaten.

Erstes Ziel in Herrnbaugarten war das „Nonseum“. Ein Motto dieser Ausstellung lautet „Erfindungen, die wir auch nicht brauchen“. Viel mehr soll hierzu nicht verraten werden, denn das Nonseum ist ein Erlebnis, zumal dann, wenn Herr Gall diese Ausstellung und einige der dortigen Attraktionen vorstellt. Der Besuch dieser Ausstellung ist eine Empfehlung wert, denn sie zeigt nicht nur Nonsens, sondern auch nachdenkenswerte „Erfindungen“. Eine sinnvolle Erfindung ist zum Beispiel die Telefonzelle für Mobiltelefone, denn wer hier telefoniert, belästigt seine Mitmenschen nicht. Auch ein Tipp ist die bisher noch nicht im Handel erhältliche Buffet-Eröffnung-Tasche, die es gestattet, bei offiziellen Anlässe einen Vorrat der besten Buffet-Stücke für zu Hause auf unkomplizierte Weise mitzunehmen. Ob man einen Kalender benötigt, in dem die Monate nach dem Alphabet geordnet sind oder ob Einweckgläser mit Glühbirnen sinnvoll sind, muss der Besucher für sich entscheiden.

Im Anschluss an eine sehr schmackhafte Jause, also nach einem deftigen und schmackhaften Abendessen, fand eine Degustation der Weine eines ortsansässigen Winzers in einem besonderen Kellerlabyrinth statt. Diese Keller wurden in die weichen und nur wenige tausend Jahre alten Lößlehme (Flugsande) gegraben. Die Degustation mit mehr als 14 Weinen dauert deutlich länger als geplant, da es offenbar zahlreiche  fachliche Fragen gab. Zudem wurden auch Reserven für die Stolpener Keller organisiert.

Dank des sehr guten Busfahrers kamen wir irgendwann doch noch im Quartier in Bítov an, denn nach der mehr als dreistündige Degustation waren fast alle Teilnehmer ein klein wenig müde.

Abreise und Rückreise, Sonntag 20.09.2020

Vor der Rückreise nach Stolpen hielten wir nochmals an der Brauerei in Bítov an, denn es galt, auch noch die Bier-Bestellungen vom Freitag abzuholen.

Danach fuhren wir nach Telč, eine Stadt in Südböhmen, deren historisches Stadtzentrum schon 1970 zum städtischen Denkmalreservat erklärt wurde und heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, da hier alle Häuser aus der Gotik, der Renaissance und dem Barock erhalten und saniert sind. Bei Sonnenschein und 20o C ist dieses städtebauliche Ensemble besonders beeindruckend und wirkt auf den ersten Blick wie eine Filmkulisse.

Die Rückfahrt verlief dann fast unproblematisch. Einen Stau wegen eines Unfalls bei Jihlava umfuhr der Busfahrer gekonnt, so dass wir auch hier kaum Zeit verloren. Bei zwei Zwischenstopps auf Parkplätze bei Jihlava und nördlich von Prag und beim passieren der Grenze gab es keine Kontrollen, so dass wir wie geplant abends wieder in Stolpen ankamen.

 Zusammenfassung

Diese Ausfahrt 2020 war trotz einiger Geburtsschwierigkeiten wiederum eine sehr gelungene Aktion. Viele neue Eindrücke, nette Gesellschaft, guter Wein und gutes Bier, das schönes Wetter und nicht zuletzt unser sehr versierter und äußerst netter Busfahrer machten die Fahrt zu einem Höhepunkt unseres Vereinslebens. Und Glück hatten wir auch noch, denn nur 3 Tage nach unserer Rückkehr wurde Tschechien zum Corona- Risikogebiet erklärt.

Die Zielstellungen für diese Ausfahrt/Exkursion:

  • mehr über unsere Nachbarland Tschechien erfahren
  • die bei den meisten Deutschen wenig bekannten Landesteile Südmähren und Südböhmen ein wenig besser kennenlernen
  • Informationen zum Weinbau und den Weinkellern in Südmähren und im niederösterreichischem Weinviertel in der Theorie und Praxis
  • Nonsens muss nicht sinnlos sein
  • Vorräte für die Keller in Stolpen und der angrenzenden Gemeinden schaffen
  • geselliges Beisammensein und interessante Gespräche

wurden, um ein Wort aus vergangenen Zeiten zu nutzen, „übererfüllt“.

Ein großer Dank gilt allen, die diese Aktion mit organisiert und realisiert haben:

  • Busfahrer Heiko Küpper (Busfahrer mit Humor und Geduld, auch Ladehelfer, Umfahrungen von Staus per excellence, Verpflegung in fester und flüssiger Form)
  • Herr Dr. Müller-Kaller (Informationen Weinbau in Mähren)
  • Herr Volkmar Knauthe (Organisation Bus + Busfahrer sowie Termine am Samstag)

Dr. Thomas Scholle

Nach oben